21. Barru – San Esteban de Leces

Gegen halb sieben gucke ih das erste Mal auf die Uhr, der Schlafkomfort der Isomatte ging gegen Null – deshalb drehe ich mich noch ein paar Mal um und versuche weiter zu schlafen. Um halb acht stehe ich letztlich tatsächlich auf. Kakao und Kekse müssen als Zelt-Frühstück reichen.

Um halb neun bin ich dann endlich wieder auf dem Weg – eine innerliche Stimme ärgert sich, dass ich so spät loslaufe weil ich Angst habe dass es wieder so sonnig wie gestern wird.

Ich habe schon einen kleinen Sonnenbrand von gestern, obwohl ich mich mit LSF50 geschützt habe, aber zunächst ist es wolkig und ich genieße das Wetter.

Der Weg führt durch Wälder und kleinen Dörfern. Die Wege sind wie leer gefegt, ich sehe keine anderen Pilger weit und breit.

Schnell erwische ich mich wie ich in ein Gedankenkarussel komme und meine restlichen Etappen im Kopf plane etc. anstatt die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen und zu sehen wie weit mich mein Weg trägt. Das Planungsgenie in mir ist also immer noch vorhanden.

Ich nutze diesen Lauftag um meine Gedanken und Eindrücke der letzten Tage zu sortieren, mache innerlich sauber, schreibe die letzten drei Blogbeiträge und höre Musik. Heute laufe ich alleine und es läuft sich tatsächlich wie von alleine. Durch Feldwege komme ich schließlich in einem Ort Namens Nueva an, hier mache ich eine kurze Pause mit Tortilla, Kaffee und Cola.

Ich laufe weiter und habe das Gefühl, dass es sich wie ein großer Spaziergang anfühlt – nach den letzten Tagen im Gebirge.

Oftmals führt der Camino über ungesicherte Bahnübergänge… die trauen sich vielleicht etwas die Spanier!

Mein Empfinden sagt mir, dass dieser Weg jedem genau das gibt was er braucht. Ich zum Beispiel habe das Glück, den ganzen Tag unter einem bewölkten Himmel zu pilgern.

Es gibt allerdings auch unglaublich schmerzhafte Botschaften und manche Menschen erkennen diese leider nicht (Krankheit / Überbelastung).

Ich denke die Botschaft ist ganz einfach: Geh DEINEN weg, hör auf DEINEN Körper und gib dich mit dem zufrieden was DU bekommst.

Seit fünf Jahren setze ich mich mittlerweile beruflich sowie auch persönlich mit dem Gesundheits- und krankheitsgefüge auseinander im physischen aber vor allem auch im psychischen Sinne und ich weiß auch, dass ich in diesem Berufsfeld mein Leben lang tätig sein möchte – immer wieder zeigt mir der Camino in was einem engen Bezug er mit diesen Thematiken steht. Das ist immer wieder schön zu erkennen.

In Ribadesella mache ich eine Pause, ich setzte mich in ein Restaurant und esse Muscheln. Als ich fertig bin frage ich nach einem Supermarkt – als die Barfrau mich aufklärt, dass heute Sonntag ist und ich nicht einkaufen könne, ärgere ich mich dass ich nicht etwas nachhaltigeres als Muscheln gegessen habe.. somit mache ich mich auf den Weg zu einer Bäckerei, kaufe ein paar Dinge fürs Abendessen und laufe weiter Richtung Strand um mich auf die letzten Kilometer zur Herberge zu machen.

Da ich noch Kraft habe, laufe ich eine Alternative entlang eines Leuchttumes und einem Bergdorf. Hier in den Dörfern stehen Autos mit offenen Fenstern und Türen, freilaufende Hühner.. hier muss die Welt noch in Ordnung sein.

Mittlerweile bin ich seit circa neun Stunden unterwegs, mit nur wenigen kleinen Pausen.. ich weiß nicht wieso – aber meine Beine haben mich einfach immer weiter und weiter getragen. Erst in der letzten halben Stunde habe ich wirklich das Bedürfnis nicht mehr weiter zu gehen und anzukommen.

In der Herberge erwartet mich eine kalte Dusche – Augen zu und durch. Des Weiteren habe ich eine Gourmet Käse Creme gelaukt, welche ich auf mein Baguette schmieren wollte.. ich kann ja viel ab, aber diese Creme schmeckt wie ganz ganz starker streich-Gorgonzola… den kann ich leider nicht essen und verschenke ihn an andere Pilger – dann gibt es für mich halt Chips zum Abendbrot, es gibt durchaus schlimmeres.

Ich nehme mir noch die Zeit um Yoga im Garten zu machen und schließe den Tag mit kühlem Bier und netten Gesprächen ab.